Am 08. März 2026 hat das Focus Magazin auf Youtube einen Short veröffentlicht.
In diesem tätigt Genosse Gregor Gysi eine mitunter zweifelhafte Aussage, die Grund zu einer weiterführenden Auseinandersetzung mit ihr gibt.
Für den Kontext ist an dieser Stelle das Video eingebettet:
Im Podcast „Machtmenschen“ wird Genosse Gysi hier also mit der Frage konfrontiert, wie er persönlich in seiner Persona als Gregor Gysi mit antisemitischen und antiisraelischen Strömungen in der Linken umgeht.
Gysi antwortet:
„Also das ist jetzt deshalb gefährlicher geworden, weil viel mehr Menschen mit Migrationshintergrund, auch mit spezifischem Migrationshintergrund in unsere Partei gekommen sind, was ich eigentlich sehr begrüße. Aber sie bringen eben Sichten auf Israel mit, die zum Teil, die falsch sind und dagegen werde ich mich immer wehren und eine bestimmte Grenze darf nicht überschritten werden.“
Er fügt weiterhin an:
„Ich bin allerdings auch solidarisch mit dem palästinensischen Volk, weil das hatte ja noch nie einen Staat, obwohl es die Uno beschlossen hat. Und ich bin sehr für ein souveränes sicheres Israel und ebenso sehr für ein souveränes sicheres Palästina. Wahrscheinlich müssen internationale Soldaten zumindest für eine bestimmte Zeit die Grenze schützen.“
Weiterführend entwickelt das Interview eine ganz eigene Dynamik zur Israel-Palästina-Thematik, um die es hier heute allerdings nicht gehen soll.
Betrachten wir also die Aussage von Gysi in ihrer Zweigeteiltheit. Im ersten Teil der Aussage liefert Gysi mit den Worten „Also das ist jetzt deshalb gefährlicher geworden, weil viel mehr Menschen mit Migrationshintergrund, auch mit spezifischem Migrationshintergrund in unsere Partei gekommen sind, was ich eigentlich sehr begrüße.“ den Grund für die Rassismusvorwürfe.
Seine Fürsprecher halten ihm zugute, dass er ja Migration begrüße. Allerdings ist dies sprachlich hier eindeutig mit einer Relativierung seiner Aussage verbunden. Hierzu nutzt Gysi das Wort „eigentlich“. Dies zeigt, dass er seine Aussage abschwächen möchte. Im Weiteren relativiert er seine Aussage dann gänzlich, indem er das Wort „aber“ nutzt, um fortzufahren.
Das Wort „aber“ hat in unserer Sprache nur eine Funktion. Es soll negieren und das Vorangestellte neutralisieren. Genau das sorgt hier für die Unglaubwürdigkeit Gysis und verstärkt den Rassismusvorwurf.
Einem Vorzeigerhetoriker wie ihm sollte solch ein sprachliches Missgeschick, so es denn eines war, nicht passieren. Auch im Folgeverlauf der Aussage muss Gysi sich selbst mithilfe einer Correctio auf bürgerlichen Kurs zurück manövrieren: „Aber sie bringen eben Sichten auf Israel mit, die zum Teil, die falsch sind […]“ (sic!).
Mit dieser Aussage distanziert er sich pauschal von ALLEN Aussagen der migrantischen Genoss:innen der Linkspartei und sorgt damit für eine Spaltung, die unter Sozialist:innen nur ungewollt sein kann. Er deklariert die Aussagen der migrantischen Genoss:innen als vollständig falsch – berichtigt sich sogar ob seiner vorherigen Einschränkung – und untergräbt damit den antiunterdrückerischen Gedanken der sozialistischen Bewegung.
Später schreibt er das Problem auch noch explizit der Jugend zu und erzeugt damit einen weiteren spalterischen Aspekt seiner Aussage. Er tappt damit tapsig in die offensichtliche Falle der Interviewerin.
Er spricht davon, dass er sich immer dagegen wehren wird und eine bestimmte Grenze nicht überschritten werden dürfe. Mit dieser Aussage hat er grundsätzlich recht, allerdings lässt er offen, welche Grenze dies denn sei. Damit verpufft diese Aussage vollständig.
Auch die Spezifik des Migrationshintergrundes lässt Gysi offen. Ob bewusst oder unbewusst spielt keine Rolle. Er lässt den Raum für Interpretationen, die ihm eine antimuslimische Haltung unterstellen können. Dies ist ein rhetorisch grober Fehler. Doch selbst wenn man diese Spezifik außen vor ließe, so zeigt sich in seiner Aussage dennoch ein inhärentes Vorurteil gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund. Daran ändert auch seine versuchte Relativierung nichts.
Der zweite Teil seiner Aussage enthält faktische und fachliche Fehler, die es richtig zu stellen gilt
Er spricht hier davon, dass das palästinensische Volk noch nie einen Staat gehabt hätte und ignoriert hier entweder unwissentlich oder absichtlich historische Fakten. Palästina gab es bereits weit vor dem zweiten Weltkrieg. Das Land wurde von britischen Kolonialherren besetzt. Von der Nakba – der Vertreibung von 700.000 arabischen Palästinensern – hat Gysi scheinbar auch noch nie etwas gehört.
Selbst wenn man die historischen Bezüge außer Acht lässt, so muss man hier weiterhin kritisieren, dass Gysi offenkundig auch die Unabhängigkeitserklärung von 1988 nicht kennt, die den Staat Palästina ausgerufen hat. Gysi scheint hier historisch grundlegende Fakten zu ignorieren, wie beispielsweise auch die israelische Besetzung palästinensischer Gebiete im Jahr 1967.
Bis 1990 hatten fast 100 Staaten Palästina als Staat anerkannt, darunter übrigens auch die damalige sozialistische DDR. Mittlerweile gilt dies für 157/193 UN-Mitgliedsstaaten. Hier wird Gysis Aussage zumindest teilweise richtig. Nicht überall ist Palästina als Staat anerkannt.
Positiv zu erwähnen bleibt, dass Gysi sich für einen souveränen palästinensischen Staat ausspricht, der neben Israel existieren soll. Hinsichtlich der aktuellen Situation bleibt nur zu hinterfragen, wie das zu bewerkstelligen ist.
Um beim Thema zu bleiben braucht es nun allerdings die Frage: Kann die Aussage Gysis hier in irgendeiner Weise nicht rassistisch verstanden werden?
Die Antwort lautet: Nein.
Bei allen Versuchen, die Genosse Gregor Gysi hier startet, um seine Aussage ins rechte Licht zu rücken, muss man konstatieren, dass es sich hierbei um ein rechtes Narrativ handelt, dass ebenso hätte von der AFD stammen können.
Aus meiner Sicht sollte Genosse Gysi hierfür Verantwortung übernehmen und sich öffentlich und aufrichtig einsichtig zeigen. Entschuldigen kann er sich nicht, aber er kann um Entschuldigung bitten. Die migrantischen Genoss:innen müssen dann darüber entscheiden, ob sie ihn entschuldigen wollen.
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